Fürsorgekonzept

Unser Weg zu würdiger Fürsorge

Die Entwicklung eines Fürsorgekonzepts für unser Wohnprojekt ist ein gemeinsamer Lernprozess. Dabei nähern wir uns Themen und Fragen, die meist zum ersten Mal angeschaut und zusammen besprochen werden. Schritt für Schritt werden wir unsere persönlichen Wünsche auch für den Fall der Pflegebedürftigkeit thematisieren und versuchen, einen realistischen Weg zur weitestgehenden Zufriedenheit aller zu finden. Bei diesem gemeinsamen Prozess werden wir Vieles jetzt schon regeln können, manches muss jedoch offen bleiben. Erst in konkreten Lebenssituationen werden wir Lösungen suchen können, die den jeweiligen aktuellen Bedürfnissen der Betroffenen möglichst gerecht werden sollen.

Unser gemeinsames Ziel:
Wir wollen ein selbstorganisiertes und selbstbestimmtes Zusammenleben mit vertrauten Menschen verwirklichen, in vertrauter Umgebung, bis ins hohe Alter, bis zum Tod. Wir wissen, dass wir dabei mit nachlassenden Kräften, Gebrechlichkeit, Krankheiten und Pflegebedürftigkeit rechnen müssen, dass körperliche, seelische und geistige Einschränkungen auf uns zu kommen können. Diese Vorstellung ist oft mit dem Gefühl der Angst und mit Unsicherheit verbunden. Wie wollen wir damit umgehen?
Unser Ziel ist es, für die Lebensabschnitte, die Pflege und Unterstützung erfordern, gemeinsam verlässliche Strukturen und Absprachen zu finden, die uns solidarische Lösungswege ermöglichen. Dies erfordert von uns allen, sich auf einen Prozess des Erkennens der eigenen Wünsche und Grenzen einzulassen und diesen Prozess offen mit anderen zu teilen. Wir wollen lieber diesen Weg mit Ecken und Kanten zusammen gehen, als z.B. der Einsamkeit in einem Heim ausgeliefert zu sein.

Unser Blick auf die Situation in Alters- und Pflegeheimen:
Das sogenannte solidarische gesetzliche System der Kranken-und Pflegeversicherung ist seit Jahrzehnten unter der Prämisse des Wettbewerbs deformiert worden und gefährdet die Gesundheit und die würdige Pflege der Mehrheit der Bevölkerung. Diese Missstände werden schon lange von verschiedenen Seiten benannt und kritisiert, z.B. vom Sozialverband VdK. Auszug aus der VdK-Zeitung 12/2014:

“In Pflegeheimen werden elementare Menschenrechte so oft missachtet, dass man kaum noch von ‘Einzelfällen’ sprechen kann. Schuld sind jedoch nicht die Pflegekräfte, sondern das System, das solche Menschenrechtsverletzungen ermöglicht.”

Alte Menschen sind eine umworbene Zielgruppe. Private Pflegeunternehmen sowie Finanzdienstleister wie Banken und Versicherungen wissen die Kaufkraft zu schätzen und zu vermarkten. Solange die finanziell gut abgesicherte Selbstversorgung, die Gesundheit und die Mobilität gewinnbringend vermarktet werden können, kann es auch eine gute Versorgung im Pflegefall geben, wenn auch nur materiell. Aber was passiert mit den vielen finanziell schlechter gestellten Menschen, die als Pflegefälle in gewinnorientierten Heimen landen? Wir fragen uns heute: Was ist, wenn wir hilfe-und pflegebedürftig werden?

Es ist schwer genug, sich mit der Möglichkeit auseinandersetzen zu müssen, dass das selbstbestimmte Leben durch verschiedenste Einschränkungen beeinträchtigt werden kann und irgendwann zu Ende geht. Sich in dieser sensiblen Lebensphase mit den unwürdigen Aussichten eines Lebens im heutigen Pflegesystem konfrontiert zu sehen, ist kaum erträglich. Fremdbestimmt, zeitgetaktet versorgt, mit Menschen zusammengewürfelt, zu denen keine Beziehung besteht, weckt Angst und Abwehr.
Da wollen wir nicht hin!

Wir wollen nicht zur Fallpauschale reduziert werden. Wir wollen nicht, dass unsere Persönlichkeit hauptsächlich in ihren Defiziten wahrgenommen wird, sondern in dem, was wir noch können. Wir wollen weiterhin am sozialen Leben teilnehmen!
Die traditionelle häusliche Pflegevariante mit familiären Hilfsstrukturen ist für uns auch keine Lösung. Denn diese Pflegeform wird überwiegend von weiblichen Familienangehörigen getragen und führt häufig zu Überforderung durch Mehrfachbelastung bei nur geringer finanzieller Unterstützung und fehlender sozialer Anerkennung. Auch bei der ambulanten Pflege reduziert sich das soziale Leben nicht selten auf Kurzzeitkontakte mit den pflegerischen und medizinischen BetreuerInnen.

Was wir wollen – Unser Fürsorgekonzept

Wir wollen einen Weg des Zusammenlebens in einer Hausgemeinschaft, in der die Potentiale und Kompetenzen aller der Gruppe zugute kommen können. Wir wollen durch gegenseitige Unterstützung und Solidarität ein möglichst angstfreies, zuversichtliches Leben im Alter erreichen. Das Ziel einer guten Fürsorge ist es, den Einzelnen so gut es geht zu unterstützen. Das Wichtigste dabei ist immer die Achtung des persönlichen Willens des Bedürftigen.

Für die Wohngruppe bedeutet dies eine ständige Herausforderung, entsprechende Unterstützungsmöglichkeiten immer aufs Neue flexibel abzuwägen, zu planen und zu gestalten. Hier zeigt sich der Prozesscharakter unseres Zusammenlebens: Das Ziel ist, situationsgerecht zu handeln und uns an jeweils konkreten Erfordernissen und Bedürfnissen des Einzelnen wie auch der Gruppe zu orientieren. Damit dies gelingen kann, ist es wichtig, den Zusammenhalt der Gruppe zu stärken. Dafür müssen wir gemeinsam Rahmenbedingungen und Alltagsstrukturen erarbeiten, die einen lebendigen Austausch und verbindliche Absprachen ermöglichen. Die von der Gruppe festgelegten Abläufe und Regeln müssen immer wieder auf ihre Sinnhaftigkeit und Umsetzbarkeit überprüft werden.
Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung sind selbstverständlich.

Qualifizierte Hilfestellung ohne Zeitdruck
Der Anspruch auf Solidarität in unserer Hausgemeinschaft muss die Balance halten zwischen Selbstorganisation und Selbstüberforderung. Daher ist die Zusammenarbeit mit professionellen Pflegekräften unerlässlich und bildet einen festen Baustein unseres Konzeptes. Wir wollen und können aber das geben, was die gesetzliche Pflegeversicherung eben nicht leisten kann: persönlichen Beistand und Empathie.

  • Wir sorgen für gute professionelle Hilfe und Pflege, indem wir externe Unterstützungsnetzwerke und professionelle Pflegekräfte in unser Konzept mit einbinden und in ständigem Austausch mit diesen stehen.
  • Wir sorgen für eine stressfreie, an den Bedürfnissen der Einzelnen orientierte Pflegesituation, indem wir keine Zeitkontigente akzeptieren, sondern mit dem Pflegepersonal eigene Abmachungen treffen.
  • Wir sorgen für eine gute Entlohnung des Pflegepersonals und suchen für die Bewältigung höherer Kosten gemeinsam nach Lösungen.
  • Wir sorgen für Bedingungen, die eine gute Pflege erleichtern und die es ermöglichen, auch bei hohem Pflegebedarf in der eigenen, vertrauten Umgebung bleiben zu können.
  • Wir wollen uns selbst weiterbilden.

Es wird ein kontinuierlicher Prozess sein, der von allen in der Gruppe die Bereitschaft verlangt, sich immer aufs Neue auch mit schwierigen Fragen auseinanderzusetzen (z.B. Demenz). Wir begeben uns dabei gemeinsam auf unbekanntes Terrain und wissen, dass wir dies mit einem zwar berechtigten, aber auch sehr hohen Anspruch tun. Das gemeinsame Grundverständnis der Gruppe ist jedoch, dass jede/r nach seinen und ihren Möglichkeiten dazu beitragen möchte, unsere Vorstellungen mit Leben zu füllen.